Inspirierend und informativ

Inspirierende Sprecherinnen und Sprecher, fundierte Fachvorträge, Praxisvorführungen und jede Menge Partystimmung: Auch in diesem Jahr wurde der Allgäuer Baufachkongress seinem Ruf gerecht.  Als Gipfeltreffen der Baubranche brachte er Mitte Januar mehr als 1200 Gäste in Oberstdorf zusammen.

Sich am Anfang des Jahres in Oberstdorf weiterzubilden, ist seit mehr als 30 Jahren Tradition beim Baustoffhersteller Baumit. Der Allgäuer Baufachkongress bringt fesselnde Top-Speaker, aktuelle Fachvorträge und abwechslungsreiche Praxisveranstaltungen gelungen zusammen. Die beiden Baumit-Geschäftsführer Helmut Batscheider und Robert Fritzsche gaben bei der Kongress-Eröffnung zunächst Einblicke in die Branchenentwicklung. Zwar war das vergangene Jahr wenig zufriedenstellend und schloss mit einem Umsatzrückgang von etwa 5,3 Prozent mit 339 Millionen Euro ab, aber für das neue Jahr sah Helmut Batscheider Impulse. Insgesamt sei zu beobachten, dass die Zahl der Bauaufträge wieder zulege und auch die Zahl der Kreditvergaben deutlich ansteige.

Mit Helga Hengge auf den Mount Everest

Bei den Top-Sprecherinnen hatte Baumit wieder ein glückliches Händchen. Helga Hengge, Redakteurin, Autorin und Extrembergsteigerin, nahm das Publikum mit auf eine aufreibende Tour. Hengge schaffte als erste deutsche Frau die Mount-Everest-Nordroute und als erste deutsche Frau erfolgreich die komplette Besteigung des Mount Everest.

Keine Videos, stattdessen zahlreiche Fotos und ihre mitreißende Erzählung fesselten die Zuhörerinnen und Zuhörer dermaßen, dass es sehr still war im großen Saal des Oberstdorf-Hauses. „Grausame“ Winterstürme bremsten die Gruppe tagelang aus. Gefährliche Gletscherspalten, vereiste und steile Routen, entbehrungsreiche Wochen in beengten Zelten, bitterliche Kälte: All das musste die Gruppe gemeinsam aushalten. Doch dann legte sich der kalte Wind und der Aufstieg in Dunkelheit und mit zusätzlichem Sauerstoff gelang.

Mit Dr. Florence Gaub „weak signals“ suchen

Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Als Forschungsdirektorin ist sie am NATO Defense College in Rom tätig und berät Regierungen und Organisationen zu Zukunftstrends. Ihr Team suche „weak signals“, also schwache Signale, aus denen sich etwas entwickeln könnte. „Allerdings gibt es keine Theorie, die Krieg erklärt. Denn jede Auseinandersetzung sei komplett anders“, betonte sie. Aus ihrer Sicht habe Deutschland Nachholbedarf in puncto Katastrophenschutz und müsse über Europa hinausdenken. Beispielsweise reisten die Chinesen überall hin. „Zur Eröffnung eines Kulturzentrums kommt sogar der Außenminister. Und die Europäer? Besuchen andere Europäer. Wir sind selten in Lateinamerika. Wir sind zu sehr auf uns selbst konzentriert“, meinte Gaub.

Nach diesen Impulsen erwarteten mehr als 50 Fach-Vorträge die Kongressteilnehmer: Fachkräftesuche, neue Technologien, Farbe, Fassade, WDVS, Putz, Digitalisierung, Wohnungsbau: Wir stellen ausgewählte Themen vor.

Febis-Förderservice

„Schlecht gedämmt, fossil beheizt.“ Auf diese Kurzformel könnte der aktuelle Gebäudebestand in Deutschland gebracht werden, sagte Martin Kutschka, Geschäftsführer der febis Service GmbH. Febis bietet einen Förderservice für BEG-Einzelmaßnahmen, erstellt Sanierungsfahrpläne und hat eine große Förderdatenbank. Anhand von Beispielen erklärte Kutschka, wie viel Geld Gebäudebesitzer sparen könnten, wenn sie modernisieren. Denn für die Erneuerung von Fenstern, Türen, Fassade und Dach könnten Fördergelder fließen. Wird ein Erneuerungsfahrplan gemeinsam mit einem Energieexperten erstellt, so erhöhe sich die Bemessungsgrenze.

Deutsches Vergabeportal

Die Scheu vor öffentlichen Aufträgen wollte Sebastian Kleemann vom Deutschen Vergabeportal nehmen. Auch kleine und mittlere Betriebe könnten „ein Stück vom Kuchen“ abbekommen. Es lohne, sich mit dem Vergabeportal zu beschäftigen. Falls sich Fragen ergeben, können Betrieb sich direkt zu einer Ausschreibung per Mail beim Vergabeportal melden.

Multi-Produkte

Mit weniger Produkten mehr erreichen, darüber sprachen Barbara Wiedemann und Olaf Janotte, die seit 1987 in der Baumit-Baustoffentwicklung tätig sind. Sie stellten unter anderem den Sanierputz „SanovaPor“ vor, der sehr dicht sei und sich als Ausgleich, zur Feuchteregulierung und bei hoher Versalzung eigne. Sowohl als Sockel- und Kellerputz als auch als Innenabdichtung spiele „Sanovar Bar“ seine Talente aus.

Der „multiContact MC 55 W“ ist ein naturweißer Haftmörtel zur Überarbeitung von tragfähigen, mineralischen und kunstharzgebundenen Putzen, Sanierputzen, Anstrichen und Dämmplatten, Dünnschichtputz auf Beton und Plansteinmauerwerk. Das kontaktstarke Produkt lasse sich auch gut kreativ verarbeiten. Der „Multi-Sockel Base 520“ biete als Sockelputz Feuchteschutz, kann zur Verklebung und Armierung von Sockelplatten und als Haftbrücke auf  bituminösen Untergründen verwendet werden.

Trendfarben und Nutzung

Farben sind mehr als nur Gestaltung. Sie spiegeln Gefühle und Charaktere wider und sind Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen. Markus Frentrop, Leiter RAL Farben bei der RAL gGmbh in Bonn, brachte den aktuellen Farbtrend mit, der 15 gedeckte Farbtöne umfasst. Durch Auswertungen von Magazinen und Messen sowie durch weitere Beobachtungen ergeben sich Farbtrends, wobei einzelne Farben auch weiterentwickelt und andere auch längere Zeit „in“ sind. „Wir testen die Farben vorab und schauen, ob sie praxistauglich sind und wie sie auf verschiedenen Materialien erscheinen“, so Markus Frentrop.

Zum Farbtrend gehören: korundblau, opalinrosa, spanischgrün, blasssiena, kiwisorbetgrün, sienagelblich, olivgrün, pfefferweiß, marzipanrosa, wasabigrün, scharfrot, topasgelb, rosigbraun, antikrosa und lichtpetrol.

WDVS

Wie die praxisgerechte Qualitätssicherung beim WDVS ausieht, darüber referierte der Sachverständige Heribert Oberhaus. So sei bei einem ausschließlich verklebten WDVS erforderlich, dass der Untergrund diese Verklebung ermögliche. Eine Hartschaum-Dämmung benötige eine Randwulst-Verklebung mit mindestens 40 Prozent Flächenanteil. Bei Mineralwolle-Lamellendämmplatten muss die Streifenverklebung mindestens 50 Prozent betragen. Oberhaus erläuterte außerdem den Aufbau eines geklebten und gedübelten WDVS, zeigte verschiedene Dübelbilder und auch den Systemaufbau mit Keramik, Naturwerkstein, Glas und Glasmosaik.

Die grüne Hülle aus Kletterpflanzen auf dem WDVS stellten Carina Schumann und René Achenbach von der Firma ejot vor. Die kontrollierte Fassadenbegrünung führe zur Verbesserung des Mikroklimas in der Stadt. Sie biete ökologische, klimatische, wirtschaftliche sowie soziale und ästhetische Vorteile. Förderprogramme unterstützen die Fassadenbegrünung. Der Schwerpunkt ihres Vortrags lag auf der Verarbeitung des Befestigungssystems „Iso-Bar Eco“, das dank eines innovativen Montagewerkzeugs eine einfache Anbringung erlaubt. Wie wichtig die Fassadenbegrünung für die Stadtplanung ist, darüber sprach Anton Merath, Baumit-Berater und Architekt. Aus seiner Sicht bringe es nichts, mobile Pflanzkübel in Fußgängerzonen zu stellen, da der Gieß-Aufwand groß sei.   

Bauschäden

„Wir müssen aus Bauschäden lernen“, ist das Credo von Jürgen Gänsmantel, der als Sachverständiger immer wieder mit Ausführungs- und Montagefehlern konfrontiert wird. Er zeigte, was an einem Stuttgarter Pfarrhaus in puncto Fassadendämmung mit Wärmedämmputz schief gelaufen ist.  Der Verarbeiter hatte zu viel Wasser benutzt, so dass der Putz schlecht hielt. Bevor eine neue Lage aufgebracht wurde, hätte der Putz aufgeraut werden müssen. Auch dies erfolgte nicht. Die Folgen: Schlechtes Stehvermögen, erhöhte Schwindneigung und schlechte Wärmeleitfähigkeit. Wichtig sei, die anerkannten Regeln der Technik für Putzarbeiten und auch die Herstellerangaben zu lesen.

Putz

Architekt Winfried Brenne stellte Putz als Alleskönner und zahlreiche Sanierungsprojekte seines Büros vor. Darunter das Schloss Cecilienhof, das Bauhaus in Dessau und den Flughafen Berlin Tempelhof. Er berichtete, wie vielfältig Putz erscheinen kann und wie man ihn reparieren kann. Im Detail stellte er unter anderem die Putzsanierung der Meisterhäuser Muche/Schlemmer in Dessau und das Max Liebling Haus der Weißen Stadt in Tel Aviv vor. Weitere Themen waren Putz als konstruktiver Baustoff zum Beispiel als Rabitz und Putz für die energetische Sanierung.

Constance Brade von der Firma Baumit schloss sich mit ihrem Vortrag über historische Putzoberflächen in der Praxis direkt an. Sie stellte die Vielfalt handwerklicher Putztechniken vor, darunter den Stipp-, Kellenzug-, Spritz- und Kellenwurfputz sowie den Kamm- und Besenzug. „Nur wenn wir die historischen Putztechniken verstehen, lernen wir, sie weiterzuentwickeln“, so ihr Fazit.

Nachhaltige Produkte

Marius Reymann von der Firma Baumit sprach über die Mikroplastikverordnung, die auch Baumit betrifft, da EPS und Kunststofffasern in ihren Produkten enthalten sind beziehungsweise waren. Ersetzt wurden zum Beispiel Kunststofffasern durch nachwachsende Agavenfasern, die auch Vorteile wie eine bessere mechanische Verkrallung mit sich bringen.  EPS wurden durch Hartperlite ausgetauscht. Weitere Themen waren der Bürokratieabbau durch die „Omnibus-Pakte“ und das Projekt „CO2 neutrale Bindemittel“ auf dem Weg zur „Netto-Zero-Emission“.

Rechtsfragen

Rechtsanwalt Dr. Frederik Neyheusel berichtete recht unterhaltsam über die aktuelle Rechtsprechung aus Karlsruhe und gab Tipps und Tricks für die Baupraxis. Er hatte seinen Vortrag in vier Themen gegliedert: Schimmel und Algen an der Fassade, Dokumentation, Dursetzung von Nachträgen sowie Bauleitung und Objektüberwachung. Er stellte die Frage: Kann das, was man nicht vermeiden kann, ein Mangel sein? Die Lösung besteht darin, Bedenken gegen die vereinbarte Ausführungsart anzumelden – und zwar schriftlich. Am besten per Gerichtsvollzieher, Bote oder persönlich. Einschreiben oder E-Mail sind nicht so günstig, doch so wird es in der Regel in der Praxis gemacht. Es gilt: Eine gute Dokumentation gewinnt den Streit.

Rechtsanwalt Michael Halstenberg empfahl seinen Zuhörern, sich den Vertragspartner zunächst ganz genau anzusehen, denn aus dem Werkvertrag kommt man nicht mehr raus – außer man fordert Sicherheit ein. Denn stellt der Bauherr keine Sicherheit, kann man kündigen. Der Schwerpunkt seines Vortrags lag darauf, wie Bauherren Mängel anmelden, um ihr Bauprojekt quasi nachzufinanzieren. Wenn der Bauherr einen Mangel anmeldet, hat der Handwerker aber immer das Recht zur zweiten Andienung. Fiktive Mängelbeseitigungskosten gibt es dabei nicht. Der Mangel muss tatsächlich beseitigt werden. Nach Fertigstellung besteht ein Anspruch auf Abnahme. Die anerkannten Regeln der Technik müssen dabei allerdings eingehalten werden. Nicht alle Regelwerke sind jedoch anerkannte Regeln der Technik.

Praxisvorführungen

Ein wichtiger Teil jedes Baufachkongresses sind die Praxisvorführungen. Diese gliederten sich in diesem Jahr in drei Themen: Fassade, Innenraum sowie Fliesen und Boden. An der Fassade wurden Detaillösungen für das WDVS gezeigt – vom Sockel über die Fensterbank bis unters Dach – und Putztechniken wie Lämmerschwanz, Stipp-Putz-Technik, die Kellendrucktechnik „Uchiwa“ und Weidengeflecht, die auch zur Gestaltung von Fassadenflächen ohne Dämmung geeignet sind. Im Innenraum ging es um wohngesunde Produkte von der Untergrundvorbehandlung bis zur fertigen Oberfläche. Hier wurden die Fugen- und Flächenspachtelung sowie Gestaltungsvarianten mit Putztechniken gezeigt. Besonders interessant war die Gestaltung mit Klebebändern, die mit eingeputzt und später wieder abgezogen werden. Für Fliesen und Boden gab es Tipps von der Abdichtung bis zur Fuge.

Eine ausführliche Berichterstattung über den Baufachkongress gibt es auf www.bauhandwerk.de. Auf dem bauhandwerk-Facebook-Profil, auf  Youtube und auch Instagram laufen mehrere Videos vom Kongress.  

Autoren

Michaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau, Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschrift bauhandwerk.

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